Nachhaltigkeit lernen in einer polarisierten Welt: Keynote auf der dgh-Jahrestagung in Helmstedt

Nachhaltigkeit lernen in einer polarisierten Welt: Keynote auf der dgh-Jahrestagung in Helmstedt
Das Juleum in Helmstedt, Tagungsort der dgh-Jahrestagung 2026. Foto: Times, Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Am 21. September 2026 fand in Helmstedt die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft (dgh) statt, die in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feiert. Unter dem Tagungsthema „Hauswirtschaft: Eine Welt – Eine Wissenschaft“ hielt Daniel Fischer die erste Keynote mit dem Titel „Nachhaltigkeit lernen in einer polarisierten Welt: Was kann die Hauswirtschaft beitragen?“. Getagt wurde im Juleum, dem ehemaligen Hauptgebäude der Universität Helmstedt. Die Academia Julia war über 200 Jahre lang Universität, bis sie 1810 im napoleonischen Königreich Westphalen geschlossen wurde.

Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Frage, unter welchen veränderten gesellschaftlichen Bedingungen heute Nachhaltigkeit gelernt wird. Das Greenpeace-Nachhaltigkeitsbarometer 2025, das gemeinsam mit der Leuphana und der HNEE erhoben wurde, zeigt: Zwei von drei jungen Menschen sind mit Blick auf den Klimawandel besorgt, 63 Prozent frustriert, 71 Prozent haben das Gefühl, die Fehler der Älteren ausbaden zu müssen. Viele Erwachsene erleben Wandel eher als Zumutung denn als Gestaltungsaufgabe. Und öffentliche Debatten kippen, wie Steffen Mau und Kollegen mit dem Begriff der „Triggerpunkte“ beschreiben, gerade dort, wo Nachhaltigkeit den eigenen Alltag und die eigene Lebensführung berührt. Eine zentrale Aufgabe besteht darin, die positive Zugkraft der Idee der Nachhaltigkeit neu zu nutzen und dabei die Sorgen, Wünsche und Ängste der Lernenden in Bildungs- und Lernprozesse einzubinden.

An der Leuphana entwickeln wir dazu seit mehreren Jahren einen bedürfnisorientierten Ansatz. Im Anschluss an Manfred Max-Neef wird zwischen Bedürfnissen und den Mitteln ihrer Befriedigung unterschieden. Die leitende Frage lautet dann: Wie können wir als Individuen und als Gesellschaft die Befriedigung unserer Bedürfnisse so organisieren, dass ihre Qualität hoch und ihre Wirkungen nachhaltig sind? Beispiele aus den Projekten ReZeitKon und FoodLabHome sowie aus der Hochschullehre zeigten, wie Lernende dabei ihre eigene Praxis erforschen, statt über sie belehrt zu werden.

Auf der Tagung wurde deutlich, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung vor Ort anfängt: nicht beim abstrakten Erdsystemwissen, sondern beim Verhandeln und Ausprobieren von Gestaltungsoptionen dort, wo Bedürfnisse tatsächlich befriedigt werden. Das sind meistens Haushalte, private ebenso wie organisationale Haushalte, etwa Schulen und andere Einrichtungen. Zugleich wird der Bedürfnisbegriff in der Hauswirtschaft seit ihren Anfängen intensiv diskutiert. Diese Diskussion mit der Arbeit in der BNE zusammenzubringen, ist ein vielversprechender Ausgangspunkt für eine engere Zusammenarbeit beider Felder.

Mehr zur Tagung: dgh-Jahrestagung 2026